Kunst ist das einzig Echte im Leben – Paulina Stulins 600-seitiger Comic „Bei mir zuhause“

Paulina Stulin (Abb. 1) ist 35 und zeichnet Comics. Ihr neustes Buch Bei mir zuhause erzählt autobiografisch über Liebeskummer, Fressflashs, Philosophie und Psychedelika. Das Konzept „Zuhause-sein“ und „Zu-sich-selbst-finden“ steht im Mittelpunkt. Ich traf die Künstlerin bei der Buchpremiere in Berlin-Neukölln.

Abb. 1: Comic-Zeichnerin Paulina Stulin (im Hintergrund ihr neustes Buch Bei mir zuhause), fot. © Arkadiusz Łuba

Gerade mal 10 Menschen waren Corona bedingt zu Paulinas Lesung zugelassen und somit war sie höchst exklusiv. Man könnte meinen, dass die Künstlerin sich etwas verlassen fühlte angesichts der geringen Besucheranzahl. Doch es machte ihr ganz offensichtlich viel Freude, ihr neuestes Mammutwerk endlich präsentieren zu können: Der Comic ist über 600 Seiten dick, knappe zwei Kilo schwer.

Abb. 2: Comicausschnitt aus Bei mir zuhause (S. 61), © Paulina Stulin, Jaja Verlag

Im polnischen Wrocław (einst Breslau) geboren, studierte Paulina Stulin in Darmstadt und Krakau Kommunikationsdesign. Aus den Fenstern ihrer Dachgeschosswohnung in Darmstadt beobachtet sie das Leben. Und dort arbeitete sie zurückgezogen fünf Jahre lang an ihrem aktuellen Comic – Isolation noch lange vor Corona.

In Bei mir zuhause geht es ums Banale und ums große Ganze. Dabei überzeugt Paulina vor allem mit der Psychologie ihrer Charaktere und dem Emotionalen, was man in ihrem graphischen Epos auskosten kann. Doch das große Thema des Buches ist das „Zuhause“.

Abb. 3: Comicausschnitt aus Bei mir zuhause (S. 54-55), © Paulina Stulin, Jaja Verlag

Die Comiczeichnerin unterscheidet zwischen zwei Formen von Zuhause – das zwangsauferlegte und das selbstgewählte Zuhause: „Das zwangsauferlegte Zuhause würde ich benennen als meinen Leib, also das, was ich in der Gegend meines Körpers spüre, wenn ich die Augen schließe und mich nicht berühre. Das ist die Basis meiner Existenz, von der aus erlebe ich den ganzen Scheiß hier. Mein Ziel ist es, mich durch Leibbemeisterung immer mehr bei mir zuhause zu fühlen, was in der Nebenbedeutung des Titels ja auch mitschwingt. Meine Wahlverwandtschaft an Zuhause ist das Reich der Kunst.“

Das Reich der Kunst allerdings verlässt sie regelmäßig, um ihrem Brotjob nachzugehen: seit 9 Jahren betreut sie Jugendliche. „Ich sehe diese pädagogische Arbeit als eine sehr große Bereicherung für mich und vor allem auch für meine Arbeit“, sagt sie: „denn sie ist ein extremer Kontrast zum einsamen Comiczeichnen. Mein Alltag sieht so aus, dass ich morgens aufstehe, zwei Stunden an meinen Projekten werkele, dann von 12 bis 16 Uhr in einem Tohuwabohu aus Gesichtern und Stimmen und Gesprächen und Interaktionen untertauche; und dann nach Feierabend mich wieder in meinen Kokon einspinne und alleine schreibe und zeichne. Und so kommt es, dass ich, wenn ich viel einsam bin, mich wieder freue, wieder mit vielen Menschen in Kontakt zu treten.“

Abb. 4: Comicausschnitt aus Bei mir zuhause (S. 136-137), © Paulina Stulin, Jaja Verlag

Die Kunst von Paulina Stulin schätzt ihre Verlegerin Annette Köhn, in deren „Jaja“-Verlag alle drei bis jetzt veröffentlichten Bücher von Paulina erschienen sind, sehr: „Da kulminiert alles Mögliche so toll zusammen – die ganze Welt, das Große und das Kleine. Der Comic ist so wahnsinnig persönlich und intim und gleichzeitig so ehrlich. Was sie ganz gekonnt macht, ist auf die Linien zu verzichten. Sie arbeitet da komplett mit Flächen. Es ist eine komische Mischung aus fotorealistisch und dann wieder irgendwie gar nicht, also Impressionismus so. Und was ich total krass finde bei der ganzen Sache, dass sie nichts von Fotos abgezeichnet hat.“

Dieser Zeichenstil ist geprägt durch die sogenannte „New Barbizon School“ – eine Gruppe von Malerinnen und Malern aus Tel Aviv und Sankt Peterburg, die den Impressionismus auf eine zeitgenössische Weise wiederbeleben und damit die üblichen Sehgewohnheiten verändern wollen. Paulina: „Wenn sie beispielsweise Motive wie High-Tech-Baustellen oder in Laptop-Licht getauchte Gesichter, oder Leute, die die in Handys vertieft sind in einer Malweise darstellen, die man üblicherweise von Seerosen und Ballerinas und dergleichen gewohnt ist. Dass das Alte mit neuen Motiven wiederbelebt wird, aber eben nicht auf diese strikt naturalistische Weise, sondern auf diese impressionistische Weise. Also, die Eindrücke, die Lebensgefühle, die subjektive Empfindung, die in den Motiven mitgeschwungen hat.“

Subjektiv bildet sie auch reale Personen ab, kombiniert sie miteinander und arrangiert sie neu; wie beispielsweise ihre beste Freundin Nadia. Die beiden kennen sich aus Darmstadt, Nadia wohnt inzwischen seit mehreren Jahren in Berlin. Sie findet es schade, dass sie nicht mehr von den quälenden, im Buch geschilderten Problemen ihrer Freundin erfahren habe. Diese überraschten sie am meisten: „Wir waren Freunde, die – wenn wir uns getroffen haben – alle unsere Probleme beiseiteschieben konnten und haben uns Mut gemacht. Paulina war immer eine inspirierende Freundin für mich“. Ihre Bilder kennt sie seitdem Paulina zum Malen begann: „Sie ist sich in ihrem Stil treu geblieben. Ich finde es wunderschön, wie sie die Gefühle auf Doppelseiten dann rauszoomt. Ich weiß, dass es ihr wichtig ist, die Gefühlswelt auf mehreren Seiten zu zeichnen, und nicht nur in einem Bild ausgedrückt. Das ist eine Art buntes Feuerwerk!“.

Abb. 5: Comicausschnitt aus Bei mir zuhause (S. 81), © Paulina Stulin, Jaja-Verlag

Ihr Storytelling-Bedürfnis lebte sie als Kind im Spiel mit Barbie-Puppen aus, bis eines Tages ihre damalige beste Freundin es „Kram für kleine Kinder“ nannte und damit ihrer Leidenschaft ein abruptes Ende bereitete. „Die Freude, selbsterdachte Geschichten zu erzählen wurde dann Jahre später, 2000 reaktiviert, als ich mit Scott McClouds Comics richtig lesen in Kontakt gekommen bin und meine lebenslange Leidenschaft fürs Zeichnen endlich einen Zweck gefunden hat“, erzählt sie: „Mit Comics wusste ich endlich – wofür ich zeichne; eben um dieses Bedürfnis Gott zu spielen, um eigene Geschichten zu erfinden, erfüllen zu können; um Welten zu schaffen, in denen ich alles komplett autonom bestimmen kann.“

Abb. 6: Comicausschnitt aus Bei mir zuhause (S. 98-99), © Paulina Stulin, Jaja Verlag

An einer Stelle in dem Comic steht es geschrieben: „Wir spielen, bis uns der Tod abholt“ (S. 170). Man könnte sagen, Paulina zeichnet, bis sie der Tod abholt. Die Comics seien für sie ein Teil des Spiels, gibt sie zu: „Die Welt ist ein Spielplatz. Wir wollen uns vergnügen, zusammen tanzen, singen und malen. Das ergibt für mich Sinn“. In der gleichen Comic-Episode sagt die Figur Pauli: „Kunst ist das einzig Echte im Leben“ (S. 171). „Das ist für mich absolut stimmig“, verrät mir Stulin im Gespräch: „Das erscheint mir als die einzig sinnvolle Sache, wofür man seine Zeit aufbringen kann. Wissenschaft und Philosophie kommen gleich hinterher, aber Kunst ist einfach mein Götze, dem ich ergeben diene“.

Abb. 7: Comicausschnitt aus Bei mir zuhause (S. 171), © Paulina Stulin, Jaja Verlag

Paulina erzählt in ihren Comic Bei mir zuhause vor allem aus ihrem eigenen Leben. Dazu nutzt sie ihre Tagebücher: „Das Tagebuchschreiben ist so mein Grundlagenforschungslabor. Das ist die Art und Weise, wie ich dieses Chaos hinter meinen Augen vor meine Augen bringe, so dass ich mich mit ihm auseinandersetzen kann.“

Durch den Perspektivenwechsel und den Blick von außen wolle sie mit ihren Büchern auch ihr eigenes Chaos ordnen. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten rein literarischen Werk. Und wieder wird es um sie selber gehen: „Bilderlose Literatur ist schon eine herausstechende Kunstform. Der Verzicht auf ästhetische Hilfsmittel erzwingt eine bestimmte Rohheit, die ich in meinem nächsten Buch erstmals ausreizen möchte.“

In dem Comic kann man sich wiederfinden, mit eigenen Freuden und Kummer, mit dem eigens Erlebten. Das höchstpersönliche Erzählen kann in dem Comic von Paulina Stulin das Höchstpersönliche berühren. Auch das spricht ausdrücklich für dieses Buch!

Paulina Stulin: Bei mir zuhause. Jaja Verlag, Berlin 2020, 612 Seiten, 35,- Euro.

Nach dem Interview wurde noch gezeichnet. Der Bloginhaber wurde mit einer „Bare-Zeichnung“ beschert (Abb. 8). Vielen Dank, Paulina!

Abb. 8: Bare-Zeichnung (Fragment) von Paulina Stulin, 2020 © BareBookComicArt

Das Interview, persönlich und intim, in der „flüchtigen Kulisse“ der Jaja-Verlagsräume, ist hier zu hören. In dem Gespräch erfährt man, wie sie versucht, „das Bündel von Wiedersprüchen und das Chaos, was [sie] ist zu verstehen“. Und natürlich über ihre Comickunst. Reinhören und genießen!

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