Zum 80. Todestag: Nicolas Mahler zeichnet „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ von James Joyce nach

Im 100. Ulysses-Jahr 2004 hatte Marcel Reich-Ranicki gestanden, dass er James Joyces Ulysses nie zu Ende gelesen habe. Wie konnte der deutsche Literaturkritikpapst von diesem Hintergrund nun in der Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ vom 14.5.1990 gesagt haben: „Das weiß man, dass der Ulysses in Deutschland maßlos überschätzt wird. Er wird ja nur deshalb so überschätzt, weil ihn kaum jemand gelesen hat“? Darf denn ein Literaturkritiker so etwas über ein Buch überhaupt sagen, wenn er es nicht zu Ende liest?

Aber was würde er über eine ganz einzigartige Version des Ulysses sagen, eines jenen Buches, das als Graphic Novel, als Comic, gezeichnet wurde (vgl. Abb. 1)? Da aber der Roman von James Joyce durchaus ein lustiges, komisches Buch ist, vielleicht eignet sich das „komische“ Medium Comic gut dafür?; zumal der Autor des Ulysses 2.0 schon weniger lustige Bücher wie Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust oder Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil als Comics erfolgreich umgesetzt hat.

Abb. 1: Buchumschlag vom Mahlerschen Ulysses.

Während des ersten Lockdowns im Frühling 2020 bin ich öfters in meinem Kiez spazieren gegangen, man durfte sich ja unbegründet nicht zu weit weg von Zuhause entfernen. Viele – wir kennen das alle – haben zu dieser Zeit ihre Hausbibliotheken, Küchen, Wohnzimmer, Keller und Abstellkammer gelüftet. In einem Karton habe ich damals einen kleinen Comic aus dem Jahr 1999 gefunden – TNT. Eine Boxerstory des österreichischen Comiczeichner Nicolas Mahler. Jemand musste mithilfe dieses Mediums Deutsch gelernt haben, da es auf einigen Seiten Übersetzungen einzelner Worte ins Englische gab (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Comicfragment (S. 3) TNT. Eine Boxerstory von Nicolas Mahler, © edition brunft Wien.

Die streichholzschachtelgroße Panels wurden in farbige bewegte Bilder gepackt und auf die Leinwand gebracht. Denn basierend auf dem 24-seitigen Minicomic ist ein gleichnamiger Kurzfilm (knappe 20 Minuten) von Mark Gerstorfer gedreht worden (vgl. das Video unten), der im August 2018 seine Weltpremiere auf Montreal World Film Festival feierte. Seine Stimme verlieh den Sprechblasen Graciano „Rocky“ Rocchigiani, ein deutscher Boxer, der Weltmeister in den Gewichtsklassen Supermittelgewicht und Halbschwergewicht wurde und in dem Kurzfilm die Titelrolle des TNT spielte.

Video: TNT Boxerstory, nach dem gleichnamigen Comic von Nicolas Mahler, Regie: Mark Gerstorfer, 20 Min., Österreich 2018.

Mir gefielen sowohl die Figur von TNT im Comic als auch die Berliner Boxerlegende Rocchigiani im Film und ihre Storys. Selbst wenn ich den (richtigen) Ulysses von James Joyce mindestens dreizehn Mal gelesen und mehrere Artikeln zu Joyces Werken geschrieben habe, las ich Nicolas Mahler vorhin noch nicht. Ich war skeptisch. Ich wusste, dass der Suhrkamp Verlag vor gerade zehn Jahren begann, Werke der Weltliteratur durch Comicadaptionen zu popularisieren. Als erste solche erschien 2011 Thomas Bernhards Roman Alte Meister, verarbeitet von Nicolas Mahler. Mir gefiel es aber nicht, dass er Riesenbrocken auf Comics reduziert. Nun dachte ich, angetan von der Zeichenkunst in dem Minicomic TNT, ich muss seine Ulysses-Verarbeitung doch als Joyce-Fan und -Kenner unter die Lupe nehmen. Und enttäuscht wurde ich nicht. So viel vorab.

Der Lyriker T.S. Eliot sagte einmal zu Virginia Woolf, Joyce habe das 19. Jahrhundert in der Literatur umgebracht und die Unzulänglichkeit aller Stile enthüllt: „Wie kann man überhaupt noch schreiben, nachdem diese immense Ungeheuerlichkeit des letzten Kapitels einmal erreicht ist?“, fragte er (vgl. V. Woolf: A Writer’s Diary, London 1954, S. 363). Schreiben? Die Antwort kennt wohl Nicolas Mahler: Zeichnen! (Mit Vorbehalt!)

Mit Vorbehalt, denn Literatur ist nun eine Kunst der Worte. Und der Ulysses sei für Mahler „ein Haufen Worte“. Er bedient sich optischen Werkzeugen. Wo die meisten Bücher nur mit einer Schriftart bzw. -größe durchgehend gedruckt werden (nicht im Falle Joyce allerdings, der Versalbuchstaben, Kursivschrift, Fettdruck und weitere Sonderzeichen benutzt!; er ist auch der erste, der im angelsächsischen Raum im Januar 1914 bei seinem Verleger Grant Richards darauf besteht, die Gedankenstrichen statt Anführungszeichen bei der Drucklegung zu verwenden, da die letzteren „ein wahrer Graus sind und den Eindruck von Unwirklichkeit erwecken, […] ein Dorn im Auge sind“; Joyce kann wie ein Meister eine Seite visuell organisieren, allein durch die Schriftarten und Satzzeichen), spielt Mahler damit, indem er Worte mit Bildern verknüpft. Die Worte, die zu dem für Joyce so typischen inneren Monolog gehören, schreibt Mahler groß vor die Bilder (vgl. Abb. 3), die Dialoge ordnet er mithilfe einfacher Linien zu, wie beispielsweise Shane Simmons in Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers.

Abb. 3: Comicfragment (S. 118) Ulysses von Nicolas Mahler, © Suhrkamp Verlag

„Nutzlose Worte. Immer dasselbe“ (S. 118) stellt also den inneren Monolog dar. Es wertet die Worte nicht ab; es bezieht sich auf die Sinnlosigkeit von Smalltalks (hier mit Frau Bäumel, im Original mit dem Inseratenakquisiteuren und Kommissionsreisenden, dem Privatdetektiv und Schreiber C. P. M’Coy). Je dicker allerdings ein Buch, desto mehr hat man Material, aus dem man wählen muss, was einen interessiert, und was sich eignet, zeichnerisch umzusetzen. Mahler sei ein Querleser, sagt er, er lese quer durch und schaue, was es da für Motive gibt, die ihn interessieren. Sobald er die Motive hat, sucht er nach passenden Textstellen. Wo er bei Proust (aus der klassischen Übersetzung ins Deutsche) und Musil noch 1:1 zitieren durfte, musste er im Falle Ulysses, wo die Übersetzungsrechte ein Problem waren (was schon die revidierte Übersetzung von Hans Wollschläger 2018 erlebte und bloss in 200 Sonderdruck-Exemplaren „ausschließlich für Bibliotheken und wissenschaftliche Einrichtungen gedruckt wurde“), vom Original ausgehen. Die Stellen, die ihn im Ulysses interessiert haben, übersetzte er selbst neu ins Deutsche, wobei er mit der Textvorlage meistens frei umgegangen ist. Die Arbeit an der Adaption sei lustvoll gewesen, gibt er zu, vor allem deswegen, weil man ein Buch so umformen könne, wie man es selbst gerne hätte.

Abb. 4: Comicfragment (S. 101) Ulysses von Nicolas Mahler, © Suhrkamp Verlag

So spielt seine Adaption, dem Originalwerk entsprechend, an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904. Der Ort der Handlung wurde von Dublin nach Wien verlegt. Während Leopold Bloom bei James Joyce Anzeigenakquisiteur bei der Dubliner Tageszeitung „Freeman’s Journal“ ist, geht er in der vorliegenden Version als Leopold Wurmb einer ähnlichen Tätigkeit für das Wiener „Neuigkeits-Welt-Blatt“ nach. Die meisten Zeitungsauschnitte in diesem Buch stammen aus dem „Neuigkeits-Welt-Blatt“ vom 16. Juni 1904 (vgl. Abb. 4). Die Namen der Protagonisten wurden Anzeigentexten zeitgenössischer Tageszeitungen entliehen.

Wo Joyce verschiedene Stile parodiert und dekonstruiert (!), Weltliteratur sowie populäre Liedern und Opern zitiert, die Evolution der englischen Prosa und die Evolutionsgeschichte der gesamten Fauna sprachlich wiedergibt, zeichnet Mahler die Geschichte – wie könnte es anders sein – des amerikanischen Zeitungscomics der 20er Jahre (die vollständige Erstausgabe von Ulysses erschien 1922). Und so wie Literaturkenner verschiedene Motive im Joyces Originalwerk erkennen, so erkennen Comicfachleute diverse Comicanspielungen bzw. -helden. Einige zeitgenössische Comicfiguren treten in der Adaption als Nebenfiguren auf. Olive Oyl (also Olivia; im Joyceschen Original – Martha, Blooms heimliche erotische Brieffreundin), erschien erstmals 1919 in der Comicserie Thimble Theatre von E. C. Segar. In derselben Serie hatten Jahre später Popeye the Sailor [bei Mahler S. 182-189, 223; vgl. Abb. 5], J. Wellington Wimpy [S. 124] und Sea Hag [S. 218, 223, 226] ihren ersten Auftritt. George Herrimans Krazy Kat erschien ab 1913 in zahlreichen amerikanischen Tageszeitungen. Weitere Charaktere dieser Serie waren Offissa Pupp [S. 173] und Ignatz Mouse [S. 220]. In kleineren Rollen sind Figuren folgender klassischer amerikanischer Zeitungscomics zu sehen: The Yellow Kid [S. 173, 218], Ally Sloper [S. 173], The Katzenjammer Kids [S. 173], The Kinder Kids [u.a. S. 218, 223], Polly and her Pals [S. 173] und Little Nemo in Slumberland [S. 173], wie der Zeichner im Quellen-Anhang vermerkt.

Abb. 5: Comicfragment (S. 182) Ulysses von Nicolas Mahler, © Suhrkamp Verlag

So wie Joyce erstaunlich viele Parallelen zu Homers Odyssee geschaffen und dennoch eine originelle, eigene Geschichte erzählt hatte, so tut Mahler das Gleiche mit seiner Graphic Novel gegenüber dem Ulysses des Iren. So wie die Niere und Henry Flower zu Bloom, so verhalten sich das Hirn mit Ei und Heini Bleampl zu Wurmb; ähnliche Beispiele gibt es in dem Buch zahlreich und es macht Spaß, sie zu entdecken. So gibt es Joyce nicht nur als Parallelen und Schlüsselmomente, sondern auch bildlich, wie auf Seite 23 (vgl. Abb. 6). Hier ist der Joyce noch relativ jung gezeichnet. Sein älteres Pendant sollten die Leser schon selber finden, es sollte auch nicht alles gleich hier verraten werden.

Abb. 6: James Joyce auf einer Briefmarke. Comicfragment (S. 23) Ulysses von Nicolas Mahler, © Suhrkamp Verlag

Mahler scheint, an Joyce Gefallen gefunden zu haben und widmete sich nach dem Ulysses gleich dem letzten Buch von James Joyce – Finnegans Wake (erschienen 1939). Kaum ein anderes Werk bereitet so große Leseschwierigkeiten wie dieses Buch. Kein anderer Schriftsteller verbindet die Wort-, Hör- und Sehaspekte der Literatur auf derartige Weise, vermischt das Verbale mit dem Nonverbalen, so dass seine Texte in die Nähe musikalischer Symphonien rücken. Am 16. April 1927 schrieb Joyce an Harriet Shaw Weaver – seine langjährige Förderin – aus Paris: „Ich baue eine Maschine mit nur einem Rad. Keine Speichen, natürlich. Das Rad ist ein perfektes Viereck. […] es ist ein Rad, sage ich der Welt. Und es ist ringsum viereckig.“ Mit dieser Äußerung eröffnet sich eine Perspektive, die auf den ersten Blick schwer zu verstehen ist. Wie kann denn ein Rad viereckig sein? Joyce meinte, die Maschine (also sein rechteckiges Buch) ende dort, wo sie beginnt, hat eigentlich keinen Anfang und kein Ende.

Abb. 7: Buchumschlag von: Nicolas Mahler / James Joyce: Finnegans Wake, Grafiskie stasti, Riga 2020.

Diese Struktur verwendet auch Mahler in seinem Minicomic. Was Joyce mit Worten schafft, schafft der Zeichner mit Bildern: Bei Joyce ist der letzte Satz gleich der erste, und Mahlers Finnegan begibt sich auf dem letzten Bild wieder auf eine Leiter, von der er am Anfang gefallen ist. Wie für Joyce die Sprache keine Barriere darstellt (zu Paul Valéry sagte er einmal: „Ich habe entdeckt, dass ich mit der Sprache alles machen kann, was ich will“), so stellt für Mahler die Optik keine Barriere dar. Doch das Graphische – gleichwohl sie viele Freiheiten bietet – schränkt auch ein. Joyces Kunstsprache bricht die Grenzen der existierenden Wörter und Nationalsprachen durch. Wortelemente fließen hier ineinander, bilden unerhörte Neuschöpfungen, lösen sich wieder auf, um sich wiederum zu neuen Zeichenfolgen zu kombinieren. Hier wird die Traumpoetik zur Dichtkunst. Als Folge sehen wir uns als Lesende mit einer monströsen Mehrdeutigkeit der Sprache konfrontiert. Ganz so wie in einem Traum, in dem man auch nie sicher sein kann, was die dargestellten Symbole bedeuten.

Mahlers Comicerzählung läuft zweigleisig. Einerseits reiht er Wort- und Phrasenzitate aus Finnegans Wake aneinander, andererseits sind seine Zeichnungen figurativ und relativ realistisch. Jedenfalls sind das keine Bildkalauer. Joyce hat sich für seine Neologismen das Book of Kells, ein lateinisches frühmittelalterliches Evangeliar, das in der Bibliothek des Trinity College in Dublin aufbewahrt wird, als Vorbild genommen. In den Buchillustrationen fließen verschiedene Figuren wie Affen, Schlangen, Vögel, Fische sowie florale Motive und menschliche Gestalten ineinander und verflechten sich, so dass sie kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Mahler erschafft solche Hybriden nicht.

Abb. 8: Mutt und Jeff. Comicfragment (S. 4) Nicolas Mahler / James Joyce: Finnegans Wake, © Grafiskie stasti [meine Randergänzungen – A. L.]

Finnegan‘s Wake (mit Apostroph geschrieben) ist eine irisch-amerikanische, lustige Ballade, die erstmals 1864 in New York veröffentlicht wurde. In der Ballade fällt der „mit Liebe zum Alkohol“ geborene Mörtelvogel-Träger Tim Finnegan von einer Leiter und bricht sich den Schädel. Er wird für tot gehalten. Die Trauernden in seinem Gefolge werden laut und verschütten Whisky über Finnegans Leiche, wodurch er wieder zum Leben erwacht und an den Feierlichkeiten teilnimmt. Whisky (auf Irisch »uisce beatha«, was »Wasser des Lebens« bedeutet) verursacht sowohl Finnegans Sturz als auch seine Auferstehung. Joyce erzählt die Geschichte einer Familie aus Dublin in vier Epochen-Zyklen: die des Pub-Besitzers Humphrey Chimpden Earwicker (der wie Finnegan gefallen ist, metaphorisch, sündhaft, aber keiner weiß genau, ob aufgrund Voyeurismus oder öffentlichen Urinierens), seiner Gattin Anna Livia Plurabelle, ihrer Zwillingssöhne Shem und Shaun sowie ihrer Tochter Issy. Dabei symbolisiert Familie Earwicker gleichzeitig die ganze Menschheit.

Der Titelheld wird in Mahlers Werk von zwei weiteren begleitet – Mutt und Jeff (vgl. Abb. 8), die in der Joyceschen Vorlage erstmals auf Seite 16 auftauchen. Ihre sprechenden Namen bezeichnen eine dumme oder alltägliche männliche Person, Mischlingshunde und dazu noch »deafmute«, also taubstumm. Doch Mutt und Jeff haben auch woanders ihre Vorbilder. Sie waren Protagonisten eines Comicstrips, der von Bud Fisher im Jahr 1907 unter dem Titel A. Mutt gestartet wurde (vgl. abb. 9). Der Strip hielt sich 75 Jahre lang, wurde von mehreren Zeichnern fortgesetzt und war Grundlage für mehrere hundert Verfilmungen. Erneut greift Mahler also auf die Comicgeschichte zurück.

Abb. 9: Panel aus Muttand Jeff Divorced, 1920.

Dass es sich um Abgründe, um den Fall infolge des Alkoholkonsums handeln wird, deuten die ersten zwei Seiten des Minicomics (vgl. Abb. 10) an. „Ualu Ualu Ualu!“ (FW 4.2-3; S. 1 bei Mahler) ist ein heulender Schrei, eine Klage (aus dem Irischen: uileliúgh), und „Kóax! Kékkek! Brékkek“ (S. 2 bei Mahler, im Original FW 4.2: „Brékkek Kékkek Kékkek Kékkek! Kóax Kóax Kóax!“) spielt auf den Chor der Frösche an, nach dem das Stück des antiken Aristophanes seinen Titel hat. Der Gott Dionysos, Patron des Dramas, ist mit dem Zustand der Kunst der Tragödie in Athen unzufrieden und beschließt, zum Hades hinabzusteigen, um einen der alten Tragiker – Euripides – wieder auf die Erde zu bringen, denkt er. Als Herakles, der zuvor dieselbe gefährliche Reise unternommen hat und von seinem Sklaven Xanthias (einer Art klassischem Sancho Panza; und sehen nicht die Mahlerschen Mutt und Jeff wie Don Quijote und sein Knappe Sancho aus?!) mit dem Gepäck begleitet wird, beginnt er die ängstliche Expedition. Als er an die Küste von Acheron kommt, wird er in Charons Boot überfahren – Xanthias muss umhergehen –, und der Erste Chor der Sumpffrösche begrüßt ihn mit langem Quaken. Ihr Gesang – Breakkekéx-koáx-koáx (Griechisch: Βρεκεκεκέξ κοάξ κοάξ) – wird ständig wiederholt, was Dionysos ärgert, der mit den Fröschen eine spöttische Debatte führt. Durch diesen Kontext werden nicht nur Mutt und Jeff zu wichtigen Charakteren des ersten modernen Weltromans (von Cervantes), sondern auch Finnegan zum antiken Helden!

Abb. 10: Mutt und Jeff. Comicfragment (S. 1-2) Nicolas Mahler / James Joyce: Finnegans Wake, © Grafiskie stasti.

Eine möglich spöttische Debatte über die Ursachen des Zustands von Finnegan (und über ihn selbst) mögen auch Mutt und Jeff in dem Comic führen. Sie versuchen herauszufinden, was mit ihm passiert ist, warum er „tot“ am Boden liegt („Grampupus is fallen down“, FW 7.8: „Großpapa ist hergefallen“; meine Übersetzungen – A. L.). „Did ye drink me doornail?“ (FW 24.15), fragen sie, „Hat sich mausetot betrunken?“ Mehrere Interpretationen eröffnet das Fragment: „Zee End“, „Finn no more!“, „To bed“ (FW 28.29, 34; 576.17; S. 14 bei Mahler): „Siehe das Ende“, „Sündige nicht mehr!“ (Johannes 8:11), „Finn nicht mehr!“, „So schlimm!“, „Ins Bett“. Wie es weiter geht, ist bekannt. Finnegan wird Alkohol zugeflossen, er wacht auf und alles beginnt wieder von vorne: „And roll away the reel world, the reel world, the reel world!“ (FW 64.25-26; bei Mahler S. 22). So „dreht sich“ also der Kosmos von Joyce und Mahler ganz normal wie die „reale Erdkugel“ oder wie eine „Filmspule“ bei einer Projektion: „Und rolle die Rundwelt weg, die Echtwelt, die Rundwelt weg!“…

„Siehe das Ende“, wie es hieß. Und dann kann man wieder von vorne beginnen; und nach weiteren solchen interpretatorischen Köstlichkeiten suchen.

Vor genau 80 Jahren, am 13. Januar 1941, starb der irische Schriftsteller James Joyce in Zürich. Inzwischen ist auch Marcel Reich-Ranicki tot. Was würde er nun über Mahlers nachgezeichnete Werke heute sagen? – Maßlos unterschätzt?…

James Joyce Ulysses. Neu übersetzt, stark gekürzt, erweitert und gezeichnet von Nicolas Mahler, Suhrkamp Verlag: Berlin 2020, 287 Seiten, 24,- Euro.
Nicolas Mahler / James Joyce: Finnegans Wake. Grafiskie stasti: Riga 2020, 28 Seiten, ca. 6,- Euro.

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