FLAGGE ZEIGEN – „JEIN“ VON BÜKE SCHWARZ FRAGT, OB KÜNSTLER POLITISCHE STELLUNG BEZIEHEN SOLLTEN

„In unaussprechlicher Schönheit bietet sie sich dar. Denn Glanz und Harmonie der Maße schmücken sie, kein Zuviel und kein Zuwenig ist an ihr festzuhalten, da sie prunkvoller als das Gewohnte und zuchtvoller als das Maßlose ist…“ (vgl. Abb. 1) sollte laut dem byzantinischen Historiker Prokopios der Kaiser Justinian am 26. Dezember 537 bei der Einweihung von Hagia Sophia gesagt haben. Zwischen 532 und 537 wurde sie auf seine Anordnung erbaut. Bis zur Eroberung Konstantinopels durch den osmanischen Sultan Mehmet II. im Jahre 1453, der sie in eine Moschee umgewandelt hatte, war sie beinah 1000 Jahre lang die größte christlich-orthodoxe Kirche in der Welt. Der westlich orientierte Republikgründer Kemal Atatürk wandelte die Hagia Sophia per Kabinettsbeschluss in ein Museum um. Auf Anordnung des autokratischen Staatschefs Recep Tayyip Erdoğan wandelte jüngst das oberste Verwaltungsgericht der Türkei es wieder in eine Moschee. Seit dem vergangenen Freitag erklingen darin offiziell die Koransuren. Die christlichen Fresken und Mosaike wurden während des Freitagsgebets verhängt. Fundamentalisten fordern bereits deren komplette Zerstörung.

Abb. 1: Hagia Sophia, Silberdruck von Pascal Sebah, um 1870

„Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“, sagte Erdoğan als Bürgermeister von Istanbul Ende der Neunzigerjahre und wurde dafür von der damals noch streng laizistisch orientierten Justiz ins Gefängnis gebracht. Diese Zeilen passen ins Bild des fast allmächtigen Präsidenten, der seine Ziele in Syrien, Libyen und dem Irak mit militärischer Gewalt unterstützt und die EU mit einer künstlichen Flüchtlingswelle im östlichen Mittelmeer zu erpressen versucht.

In diesem Kontext liest sich der bereits im Februar erschienene Comic Jein von Büke Schwarz nochmals anders. Ihre Hauptprotagonistin Elâ Wolf ist wie sie Künstlerin, Berlinerin und Halbtürkin. Wobei letzteres ihrer Meinung nach nichts mit ihrer Kunst und eigentlich auch nichts mit dem Rest ihres Lebens zu tun hat. Bis zum 16. April 2017, dem Tag des berüchtigten Verfassungsreferendums, mit dem der türkische Präsident Erdoğan die Demokratie in der Türkei aushebelte. Mit dem Sieg der „JA”-Fraktion sieht sich Elâ zum ersten Mal mit der politischen Wirklichkeit in ihrer zweiten Heimat konfrontiert. So stellt sich ihr immer dringlicher die Frage, ob sie sich mit der gesellschaftlichen Lage künstlerisch auseinandersetzen muss, und falls ja, auf welche Weise.

Abb. 2: Comicfragment (S. 69) Jein von Büke Schwarz, © Jaja Verlag

In Jein betrachtet sich Schwarz selbst. Ihre Ähnlichkeit zu ihrer Protagonistin ist nicht zu übersehen. Dennoch ist der Comic keine Autobiografie und die Figur keine Eins-zu-Eins-Spiegelung ihrer Person. Für die Protagonistin habe Kunst einen wichtigen Stellenwert, meinte ihre Schöpferin, um mit der Gesellschaft in Interaktion zu treten. Sie diene ihr aber nicht als Freifahrtschein, um jedwedes Handeln zu rechtfertigen. „»Kunst darf nicht alles. Es gibt Grenzen«, würde sie sagen“, unterstreicht Schwarz. Sie wiederum findet, Kunst könne und dürfe alles, müsse aber nicht: „Meiner Meinung nach ist Kunst immer politisch, auch wenn es nicht unbedingt von den Künstler*innen so gewollt ist. Jeder der sich in die Öffentlichkeit begibt, wird damit zum politischen Wesen, ob er will oder nicht“, so Schwarz.

Abb. 3: Comicfragment (S. 109) Jein von Büke Schwarz, © Jaja Verlag

Jein ist sowohl der Titel von Büke Schwarz’ Graphic-Novel-Debüt als auch der Titel einer in der Geschichte stattfindenden Kunstausstellung. »Jein« steht häufig im engen Zusammenhang mit Entscheidungsschwäche, oder Vermeidungsverhalten. Heutzutage scheint es verpönt zu sein, essentielle Fragen in der Politik, Kunst oder anderen Bereichen mit »Jein« zu beantworten. Es steht aber auch für die innere Spaltung der Autorin und ihrer Protagonistin Elâ zwischen Deutschland und der Türkei. Diese Spaltung spiegelt sich gleich auf dem Buchumschlag wider (vgl. Beitragsbild), wo die blind geprägten Worte »evet« und »hayır« auf Türkisch entsprechend »ja« und »nein« bedeuten und auf die Ergebnisse des Referendums zur Verfassungsänderung vom 16. April 2017 anspielen, deren knapper Ausgang vor allem durch die Türken im Ausland mitbestimmt wurde und wodurch Erdoğan seine Macht festigte. Die abgebildete Hauptprotagonistin bewegt sich auf einer Reißlinie zwischen der Berliner (links im Bild, evet, ja) und der Istanbuler (rechts im Bild, hayır, nein) Welt. Schwarz empfindet die politische Entwicklung in der Türkei in den letzten Jahren „als Rückschritt und die politische Willkür Erdogans und die Einschüchterungsmethoden seiner Befürworter gegenüber Anders-Denkenden als beängstigend“, wie sie sagt. „Ich hatte den starken Drang, etwas zu tun“, so Schwarz weiter: „Einerseits war [der Comic] eine Form der Verarbeitung. Andererseits habe ich es als Obligation gesehen, um diejenigen in der Türkei zu unterstützen, die nicht das Privileg haben in einem Land zu leben, in dem die Meinungsfreiheit und unabhängiger Journalismus, noch einen so hohen Stellenwert haben“.

Abb. 4: Comicfragment (S. 176) Jein von Büke Schwarz, © Jaja Verlag

Elâs leiblicher Vater versucht, sie zu überreden, in der Türkei auszustellen. In einer Szene schickt er ihr Bilder von türkisch-folkloristischer Kunst. Ein Galerist aus Istanbul sagt ihr, sie könne in der Türkei was werden, wenn „sie sich an die Regeln hält“. Am Schluss steht Elâ vor der Wahl, ob sie in Istanbul oder New York ausstellt. Ihre Wahl wirkt offen. Istanbul sei für Büke Schwarz „schon immer ein wenig losgelöst von der Türkei als ganzes Land“. Es sei „ein Ort voll mit alten Geschichten, aber trotzdem modern und voller Hoffnung“. „Politische Unsicherheit, Willkür und Repressionen sorgen“, so die Künstlerin, „für eine schleichende Selbstzensur, die unter den Kulturschaffenden und Journalisten immer weiter zunimmt. Sowohl Meinungs- als auch Kunstfreiheit wird so immer weiter eingeschränkt“. „Die Regeln“, an die sich ein Künstler hält, könne sie nicht klar benennen, da ihr „die Taten und Bestrafungen sehr willkürlich erscheinen“. Genau das sei für sie „das Beängstigende und führt dazu, dass Kunst- und Kulturschaffende in der Türkei immer leiser werden“.

Abb. 5: Comicfragment (S. 213) Jein von Büke Schwarz, © Jaja Verlag

Büke Schwarz‘ Comic beleuchtet zum einen die Deutsch-Türken und ihren Umgang mit der Veränderung ihrer Heimat und wie stark die Zensurverschärfungen Erdoğans und seine Politik Einfluss auf sie hierzulande haben. Zum anderen gibt Jein Einblicke in die Kunstwelt und ihr ambivalentes Verhältnis zur Politik, besonders in Zeiten politischer Umbrüche. Mit ihrer schwarz-weiß angelegten Aquarellkolorierung und mit Fineliner zeichnet die Autorin eine spannende Geschichte, ohne dabei zeitaktuelle Fragen nach kultureller Identität und politischer Partizipation der Kunst aus den Augen zu verlieren.

Geschichten hätten Büke Schwarz schon immer fasziniert und Erzählen sei für sie ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel: „Es stellt eine Verbindung zwischen mir und Demjenigen, der sich davon angesprochen fühlt, oder vielleicht sogar etwas für sich darin findet. Sie ermöglichen Ausflüge in die Köpfe anderer. Ich persönlich nutze sie außerdem in meiner Kunst, um Ereignisse festzuhalten, zu reflektieren und einzuordnen. Idealerweise können Geschichten damit zu Zufluchts- und Verständnisorten werden, sowohl für mich als auch andere“, sagte die Künstlerin. Und daran, dass sie gut erzählen kann, haben wir Leser keinen Zweifel.

Büke Schwarz: Jein. Jaja Verlag, Berlin 2020, 232 Seiten, 24 Euro.

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